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Leistungsgerechtigkeit auch für Chinesen

 

 

"Leistung muss sich lohnen“, sagt unser Außenminister Guido Westerwelle. „Wer arbeitet, muss mehr haben als derjenige, der nicht arbeitet.“
Dieser Meinung kann man uneingeschränkt zustimmen. Und Westerwelle hat bestimmt nicht nur Fans in Deutschland. Auch die chinesischen Bauarbeiter, die von der Company "China Overseas Engineering Group" über die halbe Weltkugel transportiert werden, um in Polen zwei Teilstücke der Autobahn von Stryków (Lodz) bis zur polnischen Hauptstadt zu bauen, hören bestimmt gern, dass Politiker in Europa für solche hehren Grundsätze kämpfen.

 

Natürlich meint Herr Westerwelle nicht die chinesischen Wanderarbeiter, die jetzt schon bis nach Warschau kommen, um Straßen zu asphaltieren. Auch nicht die Arbeiterinnen in Rumänien, die Kabelsätze für deutsche Autos knüpfen oder die indischen Softwareentwickler, die für deutsche Anlagenbauer Programme erstellen. Wahrscheinlich meint er noch nicht einmal die tschechischen Zahnärzte, die deutsche Patienten behandeln.

 

Herr Westerwelle spricht von Deutschland, nur von Deutschland. Er spricht von Leistungsgerechtigkeit, als würde die Mauer noch existierten. Wir leben aber in einer globalisierten Welt, in der Unternehmen im internationalen Wettbewerb nur bestehen, wenn gerade die Personalkosten radikal gesenkt werden. Damit wird die Sache schon komplizierter.

 

Leider finden sich die Begriffe Leistungsgerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit im Vokabular der Politiker nur, wenn es um ein Land geht – um ihr Land. Im internationalen Maßstab lässt man diese Fragen außen vor. Dabei wird es Zeit, das Thema auf die Tagesordnung zu setzen, denn eine Spirale nach unten kann niemand wollen.

 

Weltweite Ausschreibungen sind eine tolle Sache – wenn ein chinesisches Unternehmen aber in Europa einen Wettbewerb mit Preisen gewinnt, die gerade ein Drittel dessen betragen, was von der ausschreibenden Stelle an Kosten veranschlagt wird, kann man sich vorstellen, wie die Leistungsbereitschaft der chinesischen Bauarbeiter vergütet wird. Die polnischen Bauarbeiter bleiben ohnehin außen vor.

 

In diesem Jahr bauen die Chinesen eine Autobahn nach Warschau – im kommenden Jahr dank internationaler Ausschreibungsreglements vielleicht schon eine Straße nach Berlin. Ob der FDP-Vorsitzende dann immer noch meint, dass derjenige, der arbeitet, mehr haben muss als derjenige, der nicht arbeitet, darf bezweifelt werden. Vielleicht hat er aber eine Idee, wie das Problem gelöst werden kann – weltweit. Schließlich ist er ja ein Außenminister.

 

 

Dr. Jutta Falkner
Chefredakteurin

 

 

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