Zurück im Spiel
Türkische Wirtschaft auf Erholungskurs / Deutsche Unternehmen bauen Engagement
aus
Die türkische Wirtschaft erholt sich langsam von ihrem tiefen Einbruch
im Vorjahr. Die Regierung gibt sich optimistisch und rechnet schon kurzfristig
wieder mit Wachstumsraten von vier bis fünf Prozent. Für die deutsche
Wirtschaft ist das Land ohnehin ein Zukunftsmarkt. Im Blickpunkt stehen vor
allem die aufstrebende Automobilindust-rie, der Energiesektor und der Einzelhandel.
Auch der Aufsteiger vom Bosporus blieb im vergangenen Jahr nicht vom Sog der
weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise verschont. Zwar erwies sich das einst
labile türkische Bankensystem als krisenfest und die Türkei kam anders
als andere Emerging Markets in Südosteuropa ohne Hilfen des IWF über
die Runden – doch das Land wurde auch ein Opfer seines eigenen Erfolgs:
Der erfolgreiche Aufbau einer wettbewerbsfähigen Exportindustrie im letzten
Jahrzehnt macht das Land anfälliger für die Launen der Weltkonjunktur:
Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte in den ersten drei Quartalen 2009 um 8,4
Prozent, nicht zuletzt weil die türkischen Ausfuhren um fast ein Viertel
einbrachen.
Leitsektoren besonders betroffen
Betroffen waren nämlich vor allem exportorientierte Branchen wie die
Automobilindustrie - einer der Leitsektoren des rasanten Aufschwungs der vergangenen
Jahre: Die türkischen Fahrzeugexporte gingen 2009 um fast ein Drittel auf
knapp 618.000 Fahrzeuge zurück. Da zwei Drittel der Produktion exportiert
werden, sank die Fertigung in den türkischen Automobilwerken um 24 Prozent.
Noch stärker traf es die Nutzfahrzeughersteller, deren Produktion teils
nur noch ein Viertel des Vorjahresniveaus erreichte. Marktführer Mercedes-Benz
Türk etwa meldete einen Rückgang der Erzeugung um fast 69 Prozent
auf 6.492 Einheiten. Durch den Einbruch verlor die Automobilindustrie ihre Position
als wichtigste Exportbranche wieder an die Textil- und Bekleidungsindustrie.
Die globale Krise und die Probleme in beiden Ländern bedeuteten auch einen
Dämpfer für die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen (s.
Kasten auf S. 30). Der bilaterale Warenaustausch schrumpfte in den ersten zehn
Monaten 2009 um rund ein Viertel auf 16,5 Milliarden Euro.
Doch 2010 dürfte es wieder aufwärtsgehen. Seit Jahresende stehen die
Zeichen in der türkischen Wirtschaft auf Erholung: Im Dezember legten die
türkischen Ausfuhren gegenüber dem selben Vorjahresmonat um fast ein
Drittel zu. Im Januar stieg die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden
Gewerbe gegenüber dem Vorjahr um 6,4 Prozent auf 67,8 Prozent. Auch die
ersten Geschäftszahlen türkischer Unternehmen für das zurückliegende
Jahr sind ermutigend: Quer durch alle Branchen meldeten Medienunternehmen wie
Dogan, Energiekonzerne wie Petrol Ofisi und Handelsketten wie das französisch-türkische
Joint Venture Carrefour SA zuletzt positive Resultate für das Geschäftsjahr
2009. Die Türkei scheint zurück im Spiel zu sein.
Auf lange Sicht ohnehin: Die türkische Regierung peilt mittelfristig ein
jährliches Wachstum von vier bis fünf Prozent des BIP an, und der
türkische Industrieminister Nihat Ergün gab sich zuletzt optimistisch,
dass die Türkei schon im laufenden Jahr solche Zuwächse erreichen
könne. Das sind gute Nachrichten für deutsche Unternehmen. In einer
aktuellen Analyse von 68 Exportmärkten kommt Germany Trade & Invest
zu dem Schluss, dass die Türkei neben den so genannten BRIC-Staaten und
Saudi-Arabien zu den aussichtsreichsten Zukunftsmärkten für die deutsche
Wirtschaft gehört. Chancen bieten sich demnach insbesondere in Maschinenbau
und Bauwirtschaft sowie im Bereich Abfall und Entsorgung. Dabei gewinnt das
einwohnerstarke Land am Bosporus nicht nur als Absatzmarkt an Bedeutung, wie
die jüngste Expansion deutscher Handelsketten zeigt, sondern auch als Produktions-
und Entwicklungsstandort.
Standort für den europäischen Markt
Hier stand zuletzt wiederholt die aufstrebende türkische Autoindustrie
im Blickpunkt deutscher Branchenunternehmen. Immerhin hatte das Land 2007 erstmals
die magische Schwelle von einer Million produzierter Fahrzeuge überschritten,
ein Trend, der durch die globale Krise nur unter-, nicht abgebrochen sein dürfte,
auch wenn 2010 kein leichtes Jahr wird, da die Steuernachlässe zur Förderung
der Inlandsnachfrage im September 2009 ausgelaufen sind. Als Produktionsstandort
zur Bedienung des europäischen Marktes dürfte die Türkei aber
weiter an Bedeutung gewinnen: So haben die chinesischen Hersteller Chery und
Dongfeng die Errichtung von Produktionsbetrieben angekündigt, und Renault
wird in Bursa ab 2013 den Kleinwagen Clio 4 produzieren.
Der neue Vorstandsvorsitzende von Mercedes-Benz Türk A.?., Wolf-Dieter
Kurz, kündigte im Januar auf einer Pressekonferenz in Istanbul trotz der
widrigen Nutzfahrzeugkonjunktur den Ausbau der Präsenz auf dem türkischen
Markt und neue Investitionen an: „Wir sind entschlossen, unsere Beschäftigten
und Partner zu halten und unsere Investitionen in der Türkei fortzusetzen“,
sagte Kurz: „Dank der geografischen Nähe zu den Wachstumsmärkten
im Osten bietet die Türkei eine bemerkenswerte Gelegenheit für Autohersteller.
Wir erwarten ebenfalls davon zu profitieren.“ Kurzfristig rechnet Kurz
allerdings noch nicht mit einer durchgreifenden Erholung: „Insbesondere
im ersten Halbjahr sehen wir keine Verbesserung in der Automobilindustrie insgesamt.
Ohne neue Maßnahmen zur Verbesserung der Situation werden die Autoverkäufe
noch niedriger sein als im vergangenen Jahr.“
Die zunehmende Bedeutung des Automobilstandorts Türkei zieht auch deutsche
Zulieferer an: So erwarb der deutsche Autozulieferer ElringKlinger aus Dettingen
Ende Oktober 90 Prozent der Anteile am türkischen Zulieferer Ompas A.?.
in Bursa. Das Unternehmen fertigt Hitzeschilde zur thermischen Abschirmung von
Motor, Getriebe und Abgasstrang sowie Metallkomponenten und Felgen. Zum Kundenstamm
von Ompa? zählen unter anderem Ford Otosan, der Fahrzeughersteller und
Fiat-Importeur Tofas sowie BMC. „Wir freuen uns, dass wir mit der Mehrheitsbeteiligung
an Ompas A.S. den Schritt in den für uns sehr interessanten türkischen
Markt schnell und erfolgreich vollziehen konnten“, sagt Dr. Stefan Wolf,
Vorstandsvorsitzender der ElringKlinger-Gruppe. ElringKlinger hatte zuletzt
umfangreiche Aufträge erhalten, die eine Produktionsbasis in der Türkei
erforderten. Der Standort in Bursa soll verstärkt automatisiert und weiter
ausgebaut werden.
Auf die Modernisierung der türkischen Automobilindustrie setzt auch der
Automobil-Dienstleister MBtech, der Anfang Februar zwei Standorte in Istanbul
eröffnete. Zielgruppe der Mercedes-Tochter in der Türkei sind Hersteller
von Lkw, Transportern, Bussen und landwirtschaftlichen Fahrzeugen sowie deren
Zulieferer, aber auch Unternehmen aus dem Non-Automotive-Bereich, beispielsweise
aus der Luftfahrtindustrie. „In der Türkei ist der Bedarf an Engineering-
und Consulting-Dienstleistungen generell sehr hoch. Dieser ergibt sich aus dem
technologischen Bestreben des Landes, eine moderne Exportindustrie aufzubauen.
Dafür sind neben der klassischen Produktion gerade auch die Forschung und
Entwicklung äußerst wichtig – und genau diese Chance ergreifen
wir mit unserer neuen Tochtergesellschaft“, sagt Werner Kropsbauer, Sprecher
der Geschäftsführung der MBtech Group. In der Türkei zählen
speziell Design, Rohbau/Prototypenbau, Motorenentwicklung, Elektrik/Elektronik
und Consulting zu den bislang kaum besetzten Engineering-Feldern.
Wachsender Energiehunger
Der wachsende Energiehunger der Türkei und die anstehenden Privatisierungen
in diesem Sektor ziehen seit geraumer Zeit auch deutsche Energiekonzerne an
den Bosporus. Immerhin sind nach Einschätzung des türkischen Energieministers
Taner Yildiz bis Ende 2020 Investitionen von rund 120 Milliarden US-Dollar notwendig,
um den Energiebedarf der Türkei zu decken. Dazu ist unter anderem der Bau
von drei Kernkraftwerken geplant, aber auch die verstärkte Nutzung erneuerbarer
Energieträger. Bei einem Treffen mit deutschen Branchenvertretern in Ankara
zu Jahresbeginn bezeichnete Yildiz Deutschland „als einen der wichtigsten
Partner im Energiebereich“. Umfangreiche Investitionspläne in der
Türkei haben etwa der Essener Energiekonzern RWE, der zusammen mit seinem
türkischen Partner Turcas Petrol A.?. den Bau eines Kraftwerks plant, sowie
EnBW, die zusammen mit der türkischen Borusan Holding auf erneuerbare Energien
setzen.
Deren Ausbau hat inzwischen einen hohen Stellenwert in der Türkei, auch
wenn das überarbeitete Gesetz über erneuerbare Energien immer noch
nicht verabschiedet wurde und es Verzögerungen bei der Lizenzierung von
Windkraftanlagen gibt. Nach Einschätzung von Christian Kjaer, dem Vorsitzenden
der European Wind Energy Association (EWEA), kann die Türkei dank der Vielzahl
potenzieller Standorte einer der drei führenden Windenergie-Produzenten
in Europa werden. Im vergangenen Jahr haben bereits Siemens Energy und Nordex
Aufträge für den Bau von Windkraftanlagen erhalten. So liefert Nordex
für den türkischen Kraftwerksbetreiber Bilgin Enerji 36 Turbinen für
den Windpark „Soma“ in der Provinz Manisa im Westen des Landes.
Anfang Februar gab die Aulendorfer Mage Solar GmbH ihren Eintritt in den türkischen
Solarmarkt bekannt und eröffnete dazu ein Vertriebsbüro in der Türkei.
Nach der geplanten Erhöhung der Einspeisevergütung rechnen die Bayern
mit einem deutlichen Anstieg der Nachfrage nach Solarstrom-Anlagen. „Die
Türkei ist bereits jetzt ein attraktiver Absatzmarkt für uns, auf
dem wir schon bald ein starkes Wachstum in der Photovoltaik erwarten“,
sagt Norbert Philipp, Geschäftsführer der Mage Solar GmbH. „Die
hohe Sonneneinstrahlung und der steigende Energiebedarf der türkischen
Bevölkerung bieten ideale Voraussetzungen für eine positive Marktentwicklung,
die wir über unser Verbindungsbüro direkt vor Ort mitgestalten wollen.“
Im Visier des Einzelhandels
Mit ihren 72 Millionen Einwohnern ist die Türkei längst auch ins
Visier deutscher Handelsketten geraten. Der türkische Konsummarkt entwickelt
sich rasant: Selbst im Krisenjahr 2009 stieg der Umsatz im Einzelhandel nach
Angaben des türkischen Einzelhandelsverbands um zwei auf 40 Milliarden
US-Dollar. Im vergangenen Jahr hatte die Regierung den Konsum der Türken
mit einer Reduzierung der Steuern auf Gebrauchsgüter gestützt, die
Ende September auslief. Für 2010 erwartet Verbandspräsident Seref
Songör dennoch einen Umsatz von 50 Milliarden US-Dollar. Die Dynamik geht
vor allem von der rasanten Entwicklung der Shopping Center und Supermärkte
aus: Allein im vergangenen Jahr wurden in der Türkei landesweit 28 Einkaufstempel
eröffnet, die Zahl der Hyper- und Supermärkte hat sich nach Angaben
des zuständigen Verbandes AMPD zwischen 1998 und 2008 auf über 8.000
vervierfacht.
Von diesem Kuchen wollen deutsche Retailer ein gutes Stück abhaben. Ende
Oktober eröffnete die Metro-Tochter Media-Saturn ihren ersten Markt der
Vertriebsmarke Saturn in der Türkei. Seit 2007 ist das Ingolstädter
Unternehmen bereits mit der Marke Media Markt im Land vertreten. Der neue Saturn
liegt im Einkaufszentrum Forum Istanbul im Istanbuler Stadtteil Bayrampasa.
„Mit Saturn kommt nun unsere zweite erfolgreiche Marke an die Seite des
Media Markts und bietet die Chance, das jeweilige Potenzial beider Vertriebslinien
voll auszuschöpfen – das bedeutet noch mehr Leistung, größere
Auswahl und noch bessere Angebote für unsere Kunden“, sagt Roland
Weise, Vorsitzender der Geschäftsführung der Media-Saturn-Holding
GmbH.
Der große Absatzmarkt und die günstige, weil junge Bevölkerungsstruktur
lockte Ende vergangenen Jahres auch den Drogerieriesen Rossmann an den Bosporus:
Der niedersächsische Drogist gründete Mitte Dezember ein Gemeinschaftsunternehmen
mit der türkischen PNR-Gruppe, an dem Rossmann zu 75 Prozent beteiligt
ist. Bislang gibt es in der Türkei die Vertriebsform Drogeriemarkt noch
nicht. Im Frühjahr 2010 sollen die ersten drei Rossmann-Drogeriemärkte
in der Türkei eröffnet werden. Mit Abschluss der Testphase aller erforderlichen
Systeme bei Vertrieb, Logistik und IT sollen zügig weitere Märkte
eröffnen. Dabei setzen die Niedersachsen auch auf die Bekanntheit der Marke
durch die in Deutschland lebenden Türken und deren Verbindungen in ihr
Heimatland.
Und wer am Bosporus Lust auf panierten Fisch aus dem Atlantik hat, geht künftig
auch nicht leer aus: Zu Jahresbeginn eröffnete die Bremerhavener Fischrestaurantkette
Nordsee ihre erste Filiale in der Istanbuler Einkaufsmeile Istiklal Caddesi.
Weitere Filialeröffnungen sind in Ankara, Izmir und Antalya geplant, mittelfristig
sollen rund 200 Nordsee-Restaurants in der Türkei entstehen. „Auch
wenn nur kurze Zeit seit der Eröffnung vergangen ist, haben wir bereits
Stammkunden“, sagt Geschäftsführer Yusuf Istanbulla: „Landsleute,
die lange in Deutschland gelebt haben, können sich an den Nordsee-Produkten,
die sie vermissten, nicht satt essen.“
Christian Himmighoffen
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