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Frischer Wind im OMV
Interview mit Dr. Hanno Stöcker, Geschäftsführer des Ost- und Mitteleuropa Vereins e.V.

 

 

Seit Februar 2010 ist Dr. Hanno Stöcker Geschäftsführer des Ost- und Mitteleuropa Vereins e.V. in Hamburg. Er will sich vor allem für eine stärkere Mitgliederbindung einsetzen. Länderschwerpunkte bleiben unverändert Russland, die Ukraine und Zentralasien (vor allem Kasachstan). Daneben werden die EU-Mitglieder in Mittel- und Osteuropa eine größere Rolle spielen als bisher, insbesondere Polen.

 

Herr Dr. Stöcker, herzlich willkommen beim OMV! Was wird sich mit Ihnen verändern?
Zunächst möchten wir vieles, was sich bewährt hat, weiterführen und entwickeln. Der OMV ist eine seit 20 Jahren etablierte Interessenvertretung der deutschen Wirtschaft. Wir haben zahlreiche starke und engagierte Mitgliedsunternehmen und ein Handlungsfeld von inzwischen 29 Staaten in Osteuropa, Zentralasien und dem Kaukasus. Die Länder sind unverändert hoch attraktiv für deutsche Unternehmen, sei es durch direkte Investitionen, Kooperationen oder Vertrieb.
Doch Sie haben recht: Wir wollen attraktiver für unsere Mitglieder und wieder eine starke Stimme im Ostgeschäft werden. Dazu sind Veränderungen notwendig.

 

Sie sprechen von „wir“?
Diese Aufgabe können wir nur im Team schaffen. Der OMV hat unter seinem neuen Vorsitzenden G.-Michael Raabe in den letzten Monaten tiefgreifende strukturelle und personelle Weichenstellungen vorgenommen. So wurde letztes Jahr das Hauptstadtbüro eröffnet, das von Dr. Andrea Gebauer geleitet wird, einer vor allem im Russland-Geschäft erfahrenen Spezialistin mit exzellenten Verbindungen. In Berlin halten wir insbesondere die Kontakte zu den Botschaften und Verbänden.

 

Sie kommen aus der Wirtschaft ...
Richtig. Nach meinem BWL-Studium habe ich im Konzern der jetzigen Landesbank Berlin in der Ukraine und Russland Projekte geleitet – zum Teil drittmittelfinanziert. Seit 2003 habe ich eine Unternehmensberatung geführt, zuletzt spezialisiert auf Standortberatung und Vertriebsoptimierung in Osteuropa, vor allem Polen. Mit dem Arbeiten in kleinen Teams habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.

 

Wie sieht die neue OMV-Strategie aus?
Neben der Mitgliedergewinnung wird das Veranstaltungsprogramm optimiert. Wir testen neue Formate aus und platzieren bereits im Oktober dieses Jahres den „Osteuropa Wirtschaftstag“ als jährliches Topereignis mit integrierter Mitgliederversammlung, erstklassigen Referenten auf spannenden Fachpodien sowie der Verleihung des OMV-Awards. Der Award soll künftig als undotierter Preis erstklassige Erfolgsstrategien im Ostgeschäft honorieren.

 

An welche Veranstaltungen denken Sie noch?
Die Veranstaltungen mit Botschaften, Wirtschaftsvereinigungen und Verbänden werden einen hohen Stellenwert einnehmen. Nicht immer erfolgt dies unter Federführung des OMV, aber durch unser sehr gut entwickeltes Netzwerk, vor allem auch in unserem Hauptstadtbüro, haben wir Gelegenheit, bei Veranstaltungen als Mitveranstalter aufzutreten und unseren Mitgliedern neue Zugänge zu verschaffen.
Zudem werden wir Regionaltreffen durchführen, um Foren zur wechselseitigen Information zu schaffen. Für uns ist wichtig zu hören, wie unsere Mitglieder denken. Dann planen wir künftig auch Seminare. Denn wenn Wissen kompakt transportiert werden soll, ist etwa ein Tagesseminar ein unverändert geeignetes Format. Geschäftsaufbau Ukraine, Arbeitsrecht Russland, Vertriebsoptimierung Polen – um nur einige Beispiele zu nennen. Wir möchten unseren Mitgliedern Nutzen stiften und sie stärker zusammenführen – als Seminarteilnehmer, aber auch als Vortragende.

 

Wie sehen Sie das Potenzial des OMV für die Gewinnung neuer Mitglieder?
Wir sehen vor allem mittelständische Unternehmen der deutschen Exportindustrie und des Handels sowie deren Dienstleister als potenzielle Neumitglieder. Zum Beispiel hat allein der Verband der Maschinen- und Anlagenbauer über 3.000 Mitglieder, und ich vermute, dass die meisten vom OMV noch nie etwas gehört haben. Nehmen wir als anderes Beispiel Baden-Württemberg. Dort finden Sie in jedem zweiten Tal Nischenweltmarktführer mit fast mehr Exportmärkten als Mitarbeitern. Viele von ihnen produzieren seit Jahren erfolgreich in Tschechien, Rumänien oder Russland – alles potenzielle OMV-Mitglieder. Zunächst werden wir für unser Tun mehr Öffentlichkeit suchen, um unsere Zielgruppe zu informieren und zu interessieren.

 

Worin liegt der Mehrwert einer OMV-Mitgliedschaft für diese Firmen?
Wir kombinieren Länder- und Kontaktkompetenz mit mittelstandsnaher Sichtweise und pragmatischen Lösungsmöglichkeiten. Darin haben wir bezogen auf die OMV-Länder ein Alleinstellungsmerkmal. Ein Kernnutzen einer Verbandsmitgliedschaft liegt in der Beratung. Expandierende Unternehmen stehen laufend vor Fragen, für die sie Antworten suchen. Wer zum Beispiel den Vertrieb in einem OMV-Land aufbauen möchte, braucht Landes- und Marktkenntnis, Vertriebspartner, Kunden und Geduld. Hier kann der OMV seinen Mitgliedern helfen.

 

Der OMV ist aber kein Wirtschaftsunternehmen, sondern ein gemeinnütziger Verein.
Glücklicherweise. Denn sonst könnten wir keine Spenden sammeln, wie es in der Vergangenheit etwa für das Projekt „Ärzte aus Kasachstan“ der Fall war. Auch für die Zukunft planen wir Charity-Projekte.

 

Welche Länderschwerpunkte werden Sie setzen?
Schwerpunkte bleiben unverändert Russland, die Ukraine und Zentralasien (vor allem Kasachstan). Nicht nur das Deutsch-Kasachische Jahr ist ein Indikator für die Bedeutung dieses Zukunftsmarktes. Auch die besondere Situation im Bankenmarkt fordert unsere Aufmerksamkeit.
Des Weiteren wird EU-Osteuropa eine größere Rolle spielen als bisher, vor allem Polen. Unzählige Mittelständler machen dort seit Jahren sehr gute Geschäfte, der Markteintritt ist leichter, kein Zoll, dafür EU-Recht. Dem werden wir schon Ende Mai mit einer Unternehmerreise in die Boomregion Schlesien Rechnung tragen. Der Schwerpunkt dort wird sein: „Unternehmer treffen Unternehmer.“

 

Wie sieht denn Ihre Vision des OMV aus?
Wir werden schon etwas Zeit benötigen, diese ganzen Schritte alle umzusetzen. Aber perspektivisch sehe ich den OMV für deutsche exportorientierte Unternehmen und deren Dienstleister als ebenso mitgliederstarke wie mitgliederaktive Informations- und Kontaktplattform, deren Wort Gewicht hat und gehört wird. Die OMV-Länder sind und bleiben wichtige und vielfach buchstäblich naheliegende Zukunftsmärkte für unsere Wirtschaft.
Doch die Heterogenität und Zersplitterung der Länder vor allem in Südosteu-ropa sowie die auch dauerhaft spürbaren Unterschiede im gesetzlichen Regelwerk, den Mentalitäten und im betrieblichen Alltag stellen deutschen Unternehmen auch in den nächsten 20 Jahren Fragen, bei deren Beantwortung sie der Ost- und Mitteleuropa Verein e.V. wirkungsvoll unterstützen kann.

 

Das Interview führte Verena Striebinger

 

 

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