Standort vor der Tür
Viele deutsche Unternehmen produzieren in Wielkopolska/
Netzwerke bieten Unterstützung
Wer sich auf der E30 von Westen kommend Pozna? nähert und das Industriegebiet von Tarnowo Podgórne passiert, wähnt sich möglicherweise wieder in Deutschland: MAN, Buderus, Lorenz Snack World, Schattdecor - die Reihe namhafter deutscher Unternehmen, die sich rechts und links der Straße angesiedelt haben, ist lang. Viele deutsche Unternehmen sind bereits seit Jahren in Wielkopolska und längst Teil der regionalen Wirtschaftsstruktur. Manche haben die Region zum Ausgangspunkt ihrer Expansion nach Osten gemacht.
Die Liste deutscher Investoren in der Woiwodschaft Wielkopolska (Großpolen) liest sich wie ein Who’s Who der deutschen Wirtschaft: Gleich an mehreren Standorten in und um Pozna? fertigt Volkswagen Pozna? seit 2003 Transporter vom Typ T5, Caddys als Lieferwagen und Pkw sowie Komponenten. Mit über 6.000 Mitarbeitern ist die VW-Tochter, die zur VW-Nutzfahrzeuggruppe gehört, nicht nur der größte deutsche Investor in Wielkopolska, sondern der größte Arbeitgeber in der Stadt Pozna?. Im Vorort Sady stellt MAN seit 1998 mit rund 1.200 Mitarbeitern Stadt- und Linienbusse her. 2009 wurden rund 1.900 Busse fertiggestellt und ein neues Auslieferungszentrum eröffnet. Die Beiersdorf-Tochter Nivea Polska produziert in Pozna? Pflegeprodukte der Marke Nivea.
Erster Schritt ins Ausland
Doch die westpolnische Metropole zieht nicht nur die Großen an, auch viele Mittelständler haben den Standort vor der Tür entdeckt und sind hier schon seit vielen Jahren aktiv: Schattdecor, ein bayerischer Hersteller für bedruckte Dekorpapiere für die Möbelindustrie, kam 1993 im Rahmen eines Joint Ventures mit einem polnischen Unternehmen nach Pozna?. 1998 eröffneten die Bayern ihre Produktionsstätte in Tarnowo Podgórne vor den Toren der Stadt. Der Besucher wird von einem idyllischen Garten empfangen, der eigens von bayerischen Gärtnern angelegt wurde. „Wozu das alles, fragen manche. Man kann das hier billiger bekommen“, erzählt Marketing-Chefin Danuta Pawlik: „Doch es soll in zehn Jahren noch so aussehen wie heute. Wir wollen dokumentieren, wie wichtig Design ist, auch nach außen.“
Für das Unternehmen aus dem bayerischen Thansau, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Jubiläum feiert, war der Betrieb in Pozna? der erste Schritt ins Ausland – und ein guter Schritt: „Der polnische Möbelmarkt war sehr stark, und Schattdecor war die einzige Firma in Polen, die Dekore für Möbel und Fußböden produzierte“, erzählt Pawlik. Heute ist der Standort in Tarnowo mit seinen 130 Mitarbeitern immerhin für ein Viertel der Gesamtproduktion von Schattdecor verantwortlich. Den Bayern ging es bei dem Schritt nach Polen vorrangig um die Markterschließung: 70 Prozent der Produktion vor Ort werden in Polen abgesetzt, der Rest zu jeweils gleichen Teilen in West- und Osteuropa. In einem zweiten Werk in G?ucho?azy produzieren rund 100 Mitarbeiter Finishfolien für die Möbelindustrie. Inzwischen ist die internationale Expansion weitergegangen: Schattdecor produziert heute an zwei Standorten in Russland, außerdem in China und Brasilien. In diesem Jahr kommen die Türkei und die USA dazu.
Deutscher Cluster
Die Präsenz großer deutscher Unternehmen in Wielkopolska hat Zulieferer und Dienstleister nachgezogen – es entstand ein deutscher Cluster. Im Gefolge von VW ist im Jahr 2000 etwa der Duisburger Logistikdienstleister Panopa Logistik nach Swarzedz gekommen. 750 Mitarbeiter arbeiten heute bei Panopa für VW und dessen Zulieferer. Panopa ist mit VW mitgewachsen, sagt Geschäftsführer Remy Hoeffler. In relativ kurzer Zeit habe sich die Mitarbeiterzahl vervierfacht, erinnert er sich: „Das war keine einfache Zeit. Wir sind über die Dörfer gezogen, um Mitarbeiter zu finden.“
Ein Auftrag von Volkswagen Pozna? hat auch den Braunschweiger Technikdienstleister Clavey zu seinem Schritt nach Polen bewogen. Die polnische Tochter Clavey Maintenance Service betreut seit 2006 das VW-Werk IV in Pozna? vom Facility Management bis zur Wartung und Instandsetzung der Produktionsanlagen. Clavey ist zudem Resident für einige deutsche VW-Zulieferer. „Wir sind eine verlängerte Werkbank für VW-Zulieferer“, sagt Geschäftsführer Thomas Löwrick, der seit vier Jahren in Pozna? arbeitet und inzwischen 80 festangestellte Mitarbeiter hat. Clavey besorgt auch die Sortierung und die Nachbearbeitung fehlerhafter Teile in einer eigens dafür eingerichteten Abteilung im VW-Werk: „Die Qualitätsansprüche bei VW sind sehr hoch“, sagt Löwrick: „Wir haben eine große Flexibilität, weil wir hier in der Halle sind.“ In Minutenschnelle müssen fehlerhafte Anlagen im Notfall repariert werden, damit der Produktionsprozess nicht ins Stocken gerät: „Wir leben in einer Minutenwelt“, sagt Löwrick. „Der Markteintritt war nicht einfach“, erinnert er sich. „Man hat ja keine Kontakte.“ Doch Clavey konnte auf das deutsche Netzwerk setzen: „Panopa hat uns sehr geholfen beim Start“, sagt Löwrick.
Das deutsche Netzwerk in Wielkopolska hat gleich zwei Anlaufstellen in Pozna?. Mehr als 110 deutsche und polnische Unternehmen, darunter Schattdecor, Panopa und Clavey, haben sich im Deutsch-Polnischen Wirtschaftskreis zusammengeschlossen. Regelmäßige Treffen, Diskussionsveranstaltungen und der Erfahrungsautausch der Mitglieder stehen hier ebenso auf dem Programm wie das jährliche Produktforum, auf dem sich die deutsch-polnische Business Community der Region trifft. Ziel des Wirtschaftskreises sei der „gelebte deutsch-polnische Wirtschaftsdialog“, sagt Geschäftsführerin Angelika Menze.
Die Außenstelle der Deutsch-Polnischen IHK (DPIHK) in Pozna? vertritt die Interessen der rund 100 AHK-Mitgliedsunternehmen in der Region. Neben den monatlichen Treffen gehört die Kontaktpflege zu den Behörden zu den Aufgaben von Edyta Ziarkowski, die die DPIHK in Pozna? vertritt: „Aufgrund der regelmäßigen und guten Kontakte mit Behörden können wir kleineren Unternehmen und Investoren bei Problemen mit Genehmigungen oder Antragsverfahren beistehen.“ Im vergangenen Jahr organisierte die DPIHK zusammen mit dem Marschallamt der Wojewodschaft Großpolen die Internationalen Innovationstage.
Intellektuelles Potenzial
Für die Stadt sind die deutschen Investoren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor: Immerhin sind mehr als ein Drittel der ausländischen Direktinvestitionen von insgesamt knapp 4,5 Milliarden Euro (Stand Ende 2008) deutscher Herkunft. Einfach macht es die Stadt ausländischen Investoren allerdings nicht: Pozna? mit seinen teils oligarchischen Strukturen schottet sich ab. 2007 kam eine Studie der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers zu dem Schluss, das die Stadt eine „Festung“ sei, die „gegenüber der Außenwelt zu einem erheblichen Teil verschlossen ist“. Geändert hat sich daran nach Einschätzung von Insidern bislang wenig: Jüngstes Beispiel war ein Investitionsforum der Agglomeration Pozna? im Mai, in dem ausschließlich auf Polnisch diskutiert wurde – die Teilnahme ausländischer Interessenten war offenbar nicht vorgesehen.
Im Standortwettbewerb will die Stadtverwaltung mit der breiten indu-striellen Basis der Stadt, den vergleichsweise guten Verkehrsverbindungen mit Deutschland und anderen polnischen Städten – 2012 soll die A2 von Berlin via Pozna? nach Warschau fertig werden – und der Bedeutung der Stadt als wichtigster polnischer Messeplatz punkten: 2009 war die Internationale Messe Pozna? mit fast 10.000 Ausstellern – davon ein knappes Viertel aus dem Ausland – erneut der größte polnische Messestandort. Einen Schub für die Infrastruktur soll die Vorbereitung auf die Fußball-Europameisterschaft 2012 bringen, bei der Pozna? einer der Spielorte ist.
Unter dem Schlagwort „Stadt des Wissens“ setzt Pozna? in seiner Entwicklungsstrategie bis 2030 verstärkt auf das intellektuelle Potenzial der Stadt, die über 26 Universitäten und Hochschulen mit etwa 140.000 Studenten und jährlich rund 30.000 Absolventen verfügt, und wirbt um Investitionen in Forschung und Entwicklung, in High-Tech-Branchen und im Dienstleistungssektor, etwa im Bereich Business Process Outsourcing (BPO).
So betreiben die Bertelsmann-Tochter arvato, der Knabberzeug-Hersteller Lorenz Snack World und MAN Dienstleistungszentren in Pozna?. Die Verfügbarkeit von Studenten mit Fremdsprachenkenntnissen war für MAN neben den Personalkosten, dem Mietniveau und der Nähe zum MAN-Werk einer der Hauptgründe, sein Accounting Center in Pozna? anzusiedeln, sagt Geschäftsführer Wojciech Skrudlik, der zuvor in Kraków arbeitete: „Dort war die hohe Fluktuation ein großes Problem – insbesondere bei exotischen Sprachen“, erinnert er sich.
Im September 2006 nahm das MAN-Accounting-Center in Pozna? den Betrieb auf. Die 225 Mitarbeiter und 30 Zeitarbeiter übernehmen die Buchhaltung für die europäischen MAN-Standorte. Die Konzentration auf eine zentrale Einrichtung sollte vor allem Kosten senken, Abläufe standardisieren und eine größere Flexibilität ermöglichen: „Wir können Leute von Team zu Team verteilen“, sagt
Skrudlik.
Die überwiegende Zahl der Mitarbeiter ist für Deutschland und Polen zuständig, aber auch andere Sprachen kann Skrudlik abdecken: 13 Mitarbeiter bedienen den türkischen MAN-Standort bei Ankara – auf Türkisch. Die Standortentscheidung von MAN zeigt aber auch das Problem des städtischen Entwicklungsmodells: „Wichtig bei der Standortentscheidung war auch, dass es in Pozna? keine Konzentration von Shared Service Centern gab. Das ist heute anders“, sagt Skrudlik.
Von der Werkbank zum Headquarter
Zur Strategie der Stadt Pozna? gehört die Vernetzung und Clusterbildung von Unternehmen und Hochschulen, die von vielen deutschen Unternehmen in der Region praktiziert wird. So führt Schattdecor Projekte an der Pozna?er Kunstakademie durch: Studenten kommen dabei ins Werk in Tarnowo und entwerfen Möbel mit Dekoren von Schattdecor. Auch Panopa arbeitet mit der Adam-Mickiewicz-Universität in Pozna? und dem Logistikinstitut zusammen, indem Studenten Marktanalysen für den Logistiker erstellen. Davon profitieren beide Seiten, und die Unternehmen binden frühzeitig potenzielle Arbeitskräfte an sich – offenbar mit Erfolg: „Wir haben keine Probleme mit qualifizierten Mitarbeitern. Das ist in Bayern schwieriger“, sagt Danuta Pawlik von Schattdecor.
Bloße verlängerte Werkbänke sind die deutschen Tochterunternehmen in Wielkopolska längst nicht mehr. Viele dienen inzwischen als Headquarter und Ausgangspunkt für die weitere Expansion gen Osten: So wird der Vertrieb von Schattdecor in Tschechien, der Slowakei und Südosteuropa verstärkt von Tarnowo aus betrieben, und die polnischen Mitarbeiter geben ihr erworbenes Know-how weiter: „Inzwischen schulen unsere Leute die Mitarbeiter in den Auslandsstandorten, z.B. in Russland“, beschreibt Danuta Pawlik den Wandel: „Vor zehn Jahren wurden die Polen geschult, jetzt schulen sie selber. Wir sind in der Technologie auf dem gleichen Niveau wie unser Standort in Bayern.“ Panopa und Clavey streben die weitere Erschließung Mittel- und Osteuropas an – mit Pozna? als Hauptquartier für die Region.
Dabei sind die deutschen Unternehmenstöchter mit ihrer regionalen Verwurzelung in Wielkoplska immer weniger deutsch. „Heute sind weniger als zehn Mitarbeiter keine Polen“, sagt Panopa-Chef Hoeffler. Auch Clavey setzt voll auf polnisches Personal und hat mit Geschäftsführer Löwrick nur noch einen deutschen Mitarbeiter in Pozna?. Christian Himmighoffen
Infos & Kontakt Pozna?
Deutsch-Polnischer Wirtschaftskreis (DWK)
Angelika Menze, Geschäftsführerin
Tel.: 0048/ 61/ 86 43 040
dwk@dwk-Pozna?.pl
www.dwk-Pozna?.pl
Deutsch-Polnische Industrie- und Handelskammer
Edyta Ziarkowski, Vertretung
Tel.: 0048/ 61/ 874 38 22
eziarkowski@ahk.pl
www.ahk.pl
Investor Relations Department der Stadt Pozna?
Marcin Przylebski,
Stellvertretender Leiter
Tel.: 0048/ 61/ 875 57 89
Marcin_przylebski@um.Pozna?.pl
www.Pozna?.pl
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